Börsen-Zeitung: Hängepartien / Kommentar zu Siemens von Michael Flämig

 
 
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Frankfurt (ots) - Der Aktienmarkt weiß nicht so recht, was er von
Siemens halten soll. Pars pro toto steht dafür der Kursverlauf nach
der Präsentation der Jahresergebnisse: Das Aktienchart zeigt Auf-
und Abstiege, und zwar teils gegen die Bewegungsrichtung des
Deutschen Aktienindex. Aber auch längerfristig, und nur diese
Sichtweise ist relevant, gibt es Irritationen. Im Verhältnis zum
Leitindex entwickelte sich die Aktie im vergangenen Geschäftsjahr
unterdurchschnittlich. Dies lässt sich mit drei verschiedenen
Hängepartien begründen.

Siemens steht im Bann der Geopolitik. Der Münchner Konzern zielt
als Gigant der Kapitalgüterindustrie auf Aufträge von Regierungen. In
Zeiten jedoch, in denen die Ermordung eines Regimekritikers einen
20-Mrd.-Dollar-Auftrag wie in Saudi-Arabien ins Wanken bringen oder
die Intervention der US-Regierung einen wohl bereits mit dem Kunden
komplett vereinbarten Multi-Milliarden-Auftrag wie im Irak gefährden
kann, ist das Geschäftsmodell von Infrastrukturgüteranbietern
anfällig. Dies gilt übrigens auch für die Konkurrenz der Münchner.

Das Siemens-Management hat kurzfristig wenig Hebel zum
Gegensteuern, denn auf der Bühne der Weltpolitik walten Kräfte, die
auch den Multi überfordern. Die prononcierte Ankündigung, der Konzern
erwarte keine materiellen Auswirkungen auf seine Geschäfte durch
geopolitische Risiken, dokumentiert immerhin den Versuch, sich in
der Wahrnehmung der Investoren von der Weltpolitik abzukoppeln. Ob es
auch im geschäftlichen Alltag gelingt, wird sich weisen.

Der Aktienkurs leidet außerdem unter der Malaise der
Kraftwerkssparte, die einst mit dem Verkauf von Gasturbinen viel
Geld gescheffelt hat. Das Tal der Tränen ist noch nicht
durchschritten, und es ist nur ein eingeschränkter Trost, dass ein
Konkurrent wie General Electric in diesem Tal total unter Wasser
steht. Die Anleger aber warten im Fall von Siemens rationalerweise
ab, inwieweit der Markt sich erholt oder ein M&A-Befreiungsschlag
gelingt.

Der dritte Grund: Die Präsentation der neuen Strategie Vision
2020+ im August hat bisher nicht gezündet. So logisch die Philosophie
ist, es fehlen doch die konkreten Informationen über die
Veränderungen, die die einzelnen Sparten selbst erarbeiten sollen.
Sie werden erst auf einem Kapitalmarkttag im nächsten Jahr
präsentiert werden. Damit wird auch die Vision 2020+ zu einer
Hängepartie. Es bleibt abzuwarten, ob der Verzicht auf den Durchgriff
der Zentrale auch im operativen Alltag zu Verzögerungen führt.



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ID: 117593 | Quelle: ots | Datum: 08.11.2018

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