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Allgemeine Zeitung Mainz: Bittere Tränen / Reinhard Breidenbach zum Brand in Notre-Dame

 
 
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Mainz (ots) - Beim Brand der Kathedrale Notre-Dame hätten Dutzende
oder Hunderte Menschen sterben können - eingeschlossen vom
bestialischen Feuer, erschlagen von herabfallenden Balken. Es geschah
nicht. Daran dankbar zu erinnern, ist kein Sakrileg, keine
Missachtung der bitteren Tränen, die vergossen werden.
Unwiederbringliche Kulturgüter sind zerstört worden,
identitätsstiftende Symbole der Kunst und - daran darf wenige Tage
vor Ostern erinnert werden - Symbole des christlichen Glaubens. Es
war ein furchtbares Unglück, vielleicht schicksalhaft. Vielleicht
aber auch verschuldet durch eine gewisse Sorglosigkeit, die sich auch
bei jedem von uns breitmachen kann, wenn manche Dinge als einfach
"nicht vorstellbar" gelten, als Schläge, die das Schicksal niemandem
zufügt, weil ja auch schon Jahrhunderte lang alles gut gegangen ist?
Die nur scheinbar banale Frage, ob alle angemessenen Möglichkeiten
des Brandschutzes ergriffen worden waren - auch sie ist keine
Pietätlosigkeit, auch sie muss erlaubt sein. Wie von selbst gehen nun
die Gedanken zurück an den 11. September 2001 in New York, aber
genauso an den 7. Januar und den 13. November 2015 in Paris, als
islamistische Terroristen bei Anschlägen auf die Satirezeitschrift
Charlie Hebdo und den Konzertsaal Bataclan 140 Menschen ermordeten,
mit automatischen Waffen und Handgranaten. Die Feuersbrunst in
Notre-Dame war, nach allem, was bislang bekannt ist, kein
Terroranschlag. Es mag traurig klingen, aber in Zeiten wie den
unseren verdient auch dies besondere Erwähnung. Doch auch, wenn es
"nur" ein schicksalhaftes Unglück war: Frankreich weint, und es sind
nicht nur die Tränen von Christen. Sehr viele Menschen in Europa und
der ganzen Welt trauern mit Frankreich, und es ist nicht nur die
Trauer von Christen. Und dennoch soll - wenige Tage vor Ostern -
daran erinnert werden, dass die Christen in aller Welt mit Ostern
nach der Trauer des Karfreitags Hoffnung verbinden. Bei dieser
Hoffnung geht es um Solidarität und (Nächsten-)Liebe. Solidarität
kann in profaner, politisch gleichwohl existenziell wichtiger Weise
geübt werden: Gut wäre, wenn sich Europäer auch jenseits des
Ärmelkanals und im Osten der EU angesichts der Feuersbrunst von Paris
an die sinnvolle Tugend des Zusammenstehens erinnern würden. Was die
Liebe angeht, liefert Notre-Dame selbst eine wunderbar symbolhafte
Geschichte. Der französische Schriftsteller Victor Hugo hat sie 1831
geschrieben. Sie handelt von Quasimodo, dem Glöckner von Notre-Dame,
einem wegen körperlicher Missbildungen Ausgestoßenen, und von
Esmeralda, einer schönen Zigeunerin. Er stürzt seinen Ziehvater vom
Turm in den Tod, um sie vor dem Galgen zu retten. Es gelingt ihm
nicht. Viel später werden in einer Gruft zwei ineinander
verschlungene Skelette gefunden, die von Esmeralda und Quasimodo. Bei
dem Versuch, sie voneinander zu trennen, zerfällt Quasimodos Skelett
zu Staub. Zugegeben: eine sehr französische Geschichte, ganz nach dem
Geschmack der von Emotion und Temperament stets getragenen und
bewegten Grande Nation. Aber die Geschichte zeigt, dass Hoffnung und
Liebe nicht enden, wenn Menschen und Dinge zu Staub werden.



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ID: 138113 | Quelle: ots | Datum: 16.04.2019

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