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WAZ: Deutsche, Türken und Muslime? Leitartikel von Lutz Heuken zur Anti-Terror-Demonstration

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Essen (ots) - Es sollte eine mächtige Demonstration von Muslimen
gegen den islamistischen Terror werden. Und wurde am Ende nur die
bescheidene Kundgebung einiger Hundert Aufrechter, die dem Ruf der
liberalen Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor folgten: "Nicht mit
uns". Kein Zweifel, die schwache Resonanz auf den groß angekündigten
Protest ist für all' diejenigen Gutmeinenden eine herbe Enttäuschung,
die sich seit langem einen "Aufstand der Anständigen" von
muslimischer Seite erhofft hatten - gegen das Morden im Namen der
Religion. Die geringe Teilnehmerzahl wird aber auch Wasser auf die
Mühlen derjenigen sein, die die Menschen mit türkischen und
arabischen Wurzeln in Deutschland schon lange mit Argwohn betrachten;
die ihnen, wenn nicht Sympathie so doch zumindest Gleichgültigkeit
gegenüber dem islamistischen Terror unterstellen.

Dem liegt ein fataler Irrtum zugrunde, dem leider auch die
Organisatoren der Demonstration erlegen sind: So werden Deutsche
normalerweise nicht unter dem Gattungsbegriff "Christen" subsumiert,
Zuwanderer aus der Türkei und dem arabischen Raum aber nennt man
pauschal "Moslems". Warum? Warum macht die Bundesregierung
"Islamkonferenzen", wenn es um die Belange von Türken und Arabern
geht? Warum wertet sie damit reaktionäre islamische Organisationen
auf, die häufig nur für wenige Mitglieder sprechen? Und warum
schließt sie so all die Zuwanderer aus, die mit Religion wenig oder
gar nichts anfangen können?

Warum ist ein Türkeistämmiger in Deutschland automatisch "Moslem",
selbst wenn er sich selbst viel eher als sozialdemokratischen
Stahlarbeiter, als neoliberalen Obsthändler oder atheistischen
Mediziner sieht? Selbst Feministinnen, die vor den Zwängen der
konservativ-islamischen Welt nach Deutschland ausgewandert sind,
müssen sich ständig fragen lassen, wie sie denn zum islamistischen
Terror stehen. Viele dieser Menschen sind genervt von dem
Generalverdacht. Warum geht man nicht davon aus, dass sie den Terror
des sogenannten Islamischen Staates genauso verdammen wie jeder
anständige Nicht-Moslem die Morde des NSU? Warum verdrängt man dabei,
dass weltweit die weitaus meisten IS-Opfer Moslems sind?

Die böse Saat der Terroristen nach dem 11. September scheint
aufgegangen zu sein: Die westlichen Gesellschaften sind zunehmend
gespalten in die Mehrheit der Nicht-Muslime und die Minderheit der -
angeblichen - Muslime. Diese Spaltung treibt nicht nur dem IS
Sympathisanten zu, auch Despoten aller Art treiben mit dieser
Spaltung ihr böses Spiel - vom türkischen Präsidenten Erdogan bis zu
den konservativen und reaktionären Islamverbänden wie Ditib oder dem
Zentralrat der Muslime in Deutschland. Diese leben davon, dass in
einem eigentlich säkularen Staat plötzlich wieder die Religion den
Unterschied macht zwischen Menschen: Die zunehmenden Spannungen
sorgen zudem dafür, dass sich ausgerechnet Rechtsradikale zu Rettern
des angeblich bedrohten "christlich-jüdischen Abendlandes"
aufschwingen. Da schaukelt sich etwas unheilvoll auf.

Lamya Kaddor ist mit ihrem gut gemeinten Aufruf gescheitert. Schon
organisatorisch war sie wohl überfordert. Auch der unsägliche
Ditib-Boykott hat sicherlich zum Misslingen beigetragen. Dass so
wenige gekommen sind, mag jedoch auch ein Zeichen der Normalität
sein: Viele Zuwanderer definieren sich halt nicht zuerst als Muslime.
Und wollen deshalb auch nicht ständig genötigt werden, sich vom
Missbrauch "ihrer" Religion zu distanzieren. Das sollte man zumindest
respektieren.



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Westdeutsche Allgemeine Zeitung
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Original-Content von: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, übermittelt durch news aktuell

ID: 56325 | Quelle: ots | Datum: 18.06.2017

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