Deutsche Umwelthilfe fordert staatliches Eingreifen gegen falsche Spritverbrauchsangaben - ICCT-Zahlen belegen: Automobilindustrie täuscht Verbraucher beim Spritverbrauch

Deutsche Umwelthilfe fordert staatliches Eingreifen gegen falsche Spritverbrauchsangaben - ICCT-Zahlen belegen: Automobilindustrie täuscht Verbraucher beim Spritverbrauch

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Berlin (ots) - Neue Zahlen des ICCT belegen Abweichungen zwischen
offiziellen Herstellerangaben und Realverbrauch von 42 Prozent -
Tricks der Autobauer führen zu immer größerer Differenz zwischen
Normangaben und realem Kraftstoffverbrauch - DUH fordert Umsetzung
eines "Acht-Punkte-Sofortprogramms für ehrliche Spritangaben" durch
die neue Bundesregierung

Die unabhängige Forschungsorganisation International Council on
Clean Transportation (ICCT) bestätigt mit ihrer heute
veröffentlichten Untersuchung erneut die von der Deutschen
Umwelthilfe (DUH) bereits seit Jahren angeprangerte
Verbrauchertäuschung bei offiziellen Spritverbrauchsangaben. Die
Abweichung zwischen den realen CO2-Emissionen und
Spritverbrauchswerten moderner Pkw und den offiziellen Angaben der
Hersteller ist weiter gestiegen und liegt für 2016 nun bei knapp über
42 Prozent. Damit reduziert sich die CO2-Minderung gegenüber 2001 auf
etwa ein Drittel dessen, was uns offizielle Zahlen glauben machen.
Besonders negativ fallen dabei ausgerechnet die größeren Limousinen
von Mercedes, Audi und BMW auf. Hier liegen die Abweichungen bei
einigen Modellen im Schnitt bei bis zu 50 Prozent. Bei neuen
Firmenflottenfahrzeugen liegt der Abstand sogar bei 45 Prozent.

Die wachsende Abweichung belastet den Geldbeutel der Käufer, führt
zu hohen Kfz-Steuerausfällen und untergräbt verbindliche
Klimaschutzziele, zu denen sich Deutschland auch international
bekannt hat. Die DUH fordert deshalb von einer neu gebildeten
Bundesregierung, die Spritverbrauchsangaben umgehend staatlich
nachkontrollieren zu lassen.

"Die in Regierungsverantwortung stehenden Politiker schauen dem
Treiben der Autohersteller schon viel zu lange tatenlos zu. Bei
offensichtlich fehlerhaften Angaben müssen behördliche Nachmessungen
von Bestandsfahrzeugen veranlasst und zu hohe Abweichungen
sanktioniert werden, um somit Klima, Verbraucher und den Steuersäckel
vor diesen Machenschaften zu schützen", fordert die Stellvertretende
DUH-Bundesgeschäftsführerin Barbara Metz.

Ohne behördliche Nachmessungen werde auch das in der EU seit
September 2017 geltende neue Messverfahren für die Zulassung von
neuen Fahrzeugtypen (Worldwide Harmonized Light Vehicles Test
Procedure, kurz: WLTP) keine Verbesserung bringen. Ab September 2018
gilt das WLTP für alle in der EU zugelassenen Pkw.

"Auch mit der Einführung des WLTP ist langfristig nicht mit einer
ausreichenden Korrektur der Werte zu rechnen. Jetzt muss
schnellstmöglich sichergestellt werden, dass die Angaben der
Hersteller von einer unabhängigen Stelle überprüft werden. Ansonsten
gehen die Manipulationen und der seit Jahren anhaltende Betrug der
Autoindustrie am Kunden und am Staat weiter", so Metz.

Die niedrigen Normverbräuche ermitteln die Autobauer mit Hilfe
zahlreicher technischer Tricks bis hin zu rechtswidrigen
Manipulationen, die auch im neuen Prüfzyklus weiterhin möglich sind.
Die Behörden erleichtern die Irreführung der Autokunden durch ihre
standhafte Weigerung, offensichtlich realitätsferne Verbrauchsangaben
durch neutrale, vom Hersteller unabhängig durchgeführte Nachprüfungen
zu kontrollieren. Die DUH fordert konsequente Kontrollen und eine
Ahndung bei festgestellten falschen Herstellerangaben.

Der internationale Verkehrsexperte Axel Friedrich erläuterte eine
Auswahl der technischen Tricks, die die Hersteller anwenden, um bei
den von der EU vorgeschriebenen Fahrzyklen zu niedrigen
Spritverbrauchs- und damit CO2-Werten zu kommen. So erkennen die
Bordcomputer neuer Pkw mit immer ausgefeilteren Diagnosetools, dass
sich das Fahrzeug im Test auf einem Rollenprüfstand befindet und
schalten für die Dauer der Prüfung in einen optimierten Testmodus mit
möglichst geringen Verbrauchswerten. Einige Hersteller koppeln auch
die Lichtmaschine während des Prüfstandtests ab, so dass der
Kraftstoffverbrauch für das Aufladen der Batterie wegfällt. Auf der
Straße würde ein solches Fahrzeug nach kurzer Zeit den Einsatz
verweigern.

Ein Einfallstor zur Manipulation der Verbrauchstests ergibt sich
auch bei der Ermittlung des sogenannten Rollwiderstandswertes. So
werden besonders rollwiderstandsarme, mit stark erhöhtem Luftdruck
befüllte Spezialreifen eingesetzt. Ausstattungselemente werden
bezüglich ihres Gewichts optimiert oder schlicht ausgebaut und
Kühlergrill bzw. Türschlitze verklebt, um die Aerodynamik zu
verbessern. Die Einführung des WLTP kann einige der gängigen
Tricksereien verhindern, aber neue Schlupflöcher werden im Laufe der
Zeit ausgenutzt werden.

"Die Einführung von Messungen unter realistischen Bedingungen im
Straßenverkehr bereits im Rahmen der Typprüfung kann diesem Treiben
rasch ein Ende bereiten", sagt Friedrich und erinnert daran, dass die
EU dies bei Schadstoffemissionen von Pkw inzwischen erkannt habe und
dort bereits entsprechende Messungen, aber nur für neue
Fahrzeugmodelle vorschreibe.

Bereits vor 15 Jahren hat die DUH damit begonnen, die jährlich
zunehmende Abweichung zwischen den Norm- und Realverbräuchen zu
veröffentlichen. Von anfangs circa zehn Prozent sind die Abweichungen
jetzt auf durchschnittlich knapp 42 Prozent angestiegen, ohne dass
sich das zugrundeliegende Messverfahren geändert hat. Alle Versuche
der DUH, dass eine von der Automobilindustrie und von den
Zulassungsbehörden unabhängige Behörde Nachkontrollen durchführt und
wirksame Strafen verhängt, sind bis heute gescheitert.

Dass es möglich ist, ehrliche Spritangaben zu bekommen, zeigt das
Beispiel der USA: Die amerikanische Umweltbehörde (EPA) zwingt die
Autohersteller bei festgestellten Abweichungen zwischen den
Herstellerangaben und dem Messergebnis der Nachkontrolle oberhalb von
vier Prozent zur Korrektur der Angaben, veröffentlicht die
festgestellten Betrügereien und fordert Strafzahlungen in bis zu
dreistelliger Millionenhöhe.

Deshalb fordert die DUH die an einer neuen Regierung beteiligten
Parteien auf, folgendes "Acht-Punkte-Sofortprogramm für ehrliche
Spritangaben" umgehend nach Regierungsbildung auf den Weg zu bringen:

1. Effektive Marktüberwachung: Einrichtung einer von der
Automobilindustrie und von den Zulassungsbehörden unabhängigen
amtlichen Stelle zur Überprüfung der offiziellen Verbrauchswerte
zufällig ausgewählter Serienfahrzeuge sowie der vom Hersteller für
die Labormessung vorgegebenen Parameter (z.B. Rollwiderstand).

2. Korrektur der offiziellen Verbrauchswerte bei einer Abweichung
ab vier Prozent zwischen der Herstellerangabe und dem Messergebnis
der unabhängigen Nachkontrolle.

3. Sanktionierung von betrügerischen Praktiken: Festgestellte
Verstöße müssen veröffentlicht und mit wirksamen, verhältnismäßigen
und abschreckenden Sanktionen belegt werden.

4. Ermittlung der CO2-Emissionen im realen Straßenverkehr:
Anpassung des offiziellen Typzulassungsverfahrens durch Überprüfung
der CO2-Emissionen im praktischen Fahrbetrieb, wie es im Rahmen der
RDE-Regulierung bereits für Stickoxide und Partikelzahl Pflicht ist.
Ein geeignetes Testverfahren muss hierzu schnellstmöglich erarbeitet
werden.

5. Einführung eines Limits von vier Prozent für die maximale
Abweichung zwischen den im Rahmen von Straßenmessungen ermittelten
CO2-Emissionen und dem Laborwert.

6. Transparenz: Offenlegung aller CO2- und emissionsbezogener
Daten durch das Kraftfahrt-Bundesamt. Die Automobilindustrie muss der
Veröffentlichung aller für die Nachprüfung von CO2- und Abgaswerten
notwendigen Fahrzeugdaten ausdrücklich zustimmen.

7. Benennung einer für falsche Spritverbrauchsangaben zuständigen
Behörde, die festgestellte Abweichungen des Spritverbrauchs sammelt,
öffentlich zugänglich macht und Verbrauchern bei der Durchsetzung
ihrer Rechte gegenüber den Autokonzernen hilft.

8. Einführung der Musterfeststellungsklage ins deutsche Recht, um
dem Verbraucher verbesserte Rechte gegenüber betrügerischen
Unternehmen zu geben.

Die DUH hat im Rahmen ihrer Kampagne "Get Real" auf der Plattform
change.org unter https://www.change.org/spritschleuder eine Petition
gestartet und fordert Matthias Müller (VW), Dieter Zetsche (Daimler)
und Harald Krüger (BMW) auf, endlich ehrliche Spritangeben zu machen.
Die DUH ruft dazu auf, den drei Vorstandsvorsitzenden unter
https://www.duh.de/spritluege/ eine persönliche Protestmail zu
senden.

Links:

ICCT Bericht (Europa):
http://www.theicct.org/publications/laboratory-road-2017-update

ICCT Bericht (International):
http://www.theicct.org/publications/laboratory-road-intl

Grafik Mehrverbrauch: http://l.duh.de/p171106a

Protestmailaktion für ehrliche Spritangaben:
https://www.duh.de/spritluege/

Kampagnenwebseite: http://www.get-real.org

Informationen zum Thema Spritverbrauch:
http://www.duh.de/projekte/die-spritluege/



Pressekontakt:
Barbara Metz, Stellvertretende Bundesgeschäftsführerin DUH
0170 7686923, metz@duh.de

Dr. Axel Friedrich, Internationaler Verkehrsexperte
0152 29483857, axel.friedrich.berlin@gmail.com

DUH-Pressestelle:

Andrea Kuper, Ann-Kathrin Marggraf
030 2400867-20, presse@duh.de
www.duh.de, www.twitter.com/umwelthilfe, www.facebook.com/umwelthilfe

Original-Content von: Deutsche Umwelthilfe e.V., übermittelt durch news aktuell

ID: 70015 | Quelle: ots | Datum: 06.11.2017

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